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Malteser Nettetal

Flüchtlingsunterkunft in Düren: Die Malteser sind internationaler geworden

02.10.2015
Diözesangeschäftsführer Wolfgang Heidinger (l.) mit neuen Kolleginnen und Kollegen. Foto: Kai Vogelmann, Malteser NRW

„Bicycle?“ Das kleine syrische Mädchen schaut Wolfgang Heidinger mit großen braunen Augen fragend und bittend an. „Tomorrow“ vertröstet  Aachens Diözesangeschäftsführer das Mädchen mit einem Lächeln. Ein Erwachsener Syrer übersetzt. Nach einer Woche im Betreuungseinsatz haben die Malteser schon viel erreicht, aber hier und da hakt es noch. Kinderfahrräder gibt es zwar, aber noch nicht für alle. Der Auftrag des Kreises Düren, am Rande des Stadtteils Gürzenich eine Notunterkunft für 500 Flüchtlinge zu übernehmen und zu betreiben, kam ohne viel Vorlaufzeit. 471 Flüchtlinge sind mittlerweile  angekommen. Die letzten Flüchtlinge mitten in der vorangegangenen Nacht. Jürgen Lindenlauf von den Maltesern sieht wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen müde aus. „Seit 14 Tagen sind wir fast rund um die Uhr im Einsatz“. Innerhalb von nur einer Woche hatte der Kreis Düren mit Hilfe des THW, der Hilfsorganisationen und Handwerkern aus einem 2009 stillgelegten Depot der Bundeswehr diese Unterkunft geschaffen. Die Gebäude und Wege sind in einem überraschend  guten Zustand. Man merkt ihnen den Dornröschenschlaf nicht mehr an. Das weitläufige Areal im Wald ist mit Zäunen eingegrenzt. Hallen wurden in Waschräume und einen Speisesaal umgewandelt. Ein Kiosk und eine Kleiderkammer wurden eingerichtet. Hier stapeln sich Säckeweise Kleiderspenden. Einige Flüchtlingsfrauen und größere Kinder sortieren und räumen die Kleidung in große Regale. Schön nach Größe und Geschlecht getrennt. „Wir brauchen im Grunde mehr Bekleidung in kleineren Größen, XL-Größen trägt kaum einer unserer Bewohner“. Karl  Welter ist ein Malteser-Urgestein. Bis zu seiner Pensionierung vor einigen Monaten arbeitete er hauptamtlich für die Malteser. Klar, dass er jetzt wieder mit anpackt und die Kleiderkammer managed. „Die Damen sind mir eine großartige Hilfe. Das läuft hier wie am Schnürchen“, lobt er seine helfenden Hände. Frische Unterwäsche ist Mangelware. Wolfgang Heidinger bespricht mit seinen Kollegen, wie sie das Problem lösen. Es wird wohl auf einen Großeinkauf hinauslaufen, denn gebrauchte Unterwäsche möchten sie nicht an die Menschen ausgeben, die größtenteils ohne viel Gepäck aus Syrien und Afghanistan nach Gürzenich gekommen sind. Darunter viele Familien und Kinder. Zum Glück ist schon die ganze Woche spätsommerliches Wetter. Viele Frauen sitzen auf den Grünflächen, genießen die Sonne und unterhalten sich. Die Männer zieht es in kleinen Gruppen in den Ort zum einkaufen und die Kinder spielen auf den vielen Freiflächen vor den Gebäuden. Alles wirkt ruhig und entspannt. Die Menschen in der Einrichtung sollen erst einmal ankommen. „In den nächsten Tagen beginnt hier eine Kollegin, die sich ausschließlich um die Kinderbetreuung kümmern wird“, sagt Wolfgang Heidinger, der trotz der vielen Arbeit sehr zufrieden ist. „Das war für uns alle ein Sprung ins kalte Wasser“. Die Malteser lernen jeden Tag dazu. Auch, dass es Sinn macht, muslimische Feiertage in den Kalender einzutragen. Mit Beginn des Betreuungseinsatzes und der Ankunft der ersten Flüchtlinge standen auch schon Vertreter der hiesigen muslimischen Gemeinde am Tor der Unterkunft. Sie wollten das Opferfest mit ihren Glaubensbrüdern und –schwestern feiern. In Windeseile packten die Malteser mit an und richteten auch noch einen Gebetsraum ein. Die Registratur und der Sanitätsbereich sind direkt neben dem Eingangstor in einem flachen Gebäude untergebracht. Medizinisches Personal der Malteser kümmert sich um kleinere Blessuren und Erkrankungen. Alles ist sauber und geordnet. Im hinteren Bereich des Gebäudes hat der Kreis Düren für Ärzte Untersuchungsräume eingerichtet. Die Bereitschaft ist groß in der Region, den Menschen in der Einrichtung zu helfen. Die Ärzte kommen in die Unterkunft, die Zusammenarbeit mit Kommune und Kreis ist gut. Wolfgang Heidinger spricht mit neuen Mitarbeitern. Weitere Mitarbeiter werden noch gesucht. Alles muss im laufenden Betrieb über die Bühne gehen. Trotz der Haken und Ösen läuft alles ruhig und professionell. Die Flüchtlinge merken von all dem Treiben hinter den Kulissen nichts. Sie fühlen sich angenommen. Der Kern des Aufbauteams kommt noch aus seiner Verwaltung in Aachen oder aus den umliegenden Dienststellen. Gerade war der Diözesanfinanzreferent da und hat zum ersten Mal Taschengeld an die Flüchtlinge ausgezahlt. Für Robert Ohligschläger, der schon viele Jahre für die Malteser arbeitet, war das eine Premiere. „Aber das hat alles wunderbar funktioniert“, betont er kurz vor seiner Rückfahrt nach Aachen. Möglichst bald sollen diese Kolleginnen und Kollegen wieder ihren eigentlichen Aufgaben nachgehen können. Neue Kolleginnen und Kollegen laufen fröhlich durch die Einrichtung. Für die Flüchtlinge sind sie schnell zu wichtigen Ansprechpartnern geworden, die ihnen Orientierung und Hilfestellungen geben. „Die Verständigung ist das A und O“, weiß Wolfgang Heidinger und ist dankbar, dass er diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden konnte. Ihre Eltern oder sie kommen aus dem Libanon, Marokko, dem Iran und aus der Türkei. Sie sind hier geboren oder schon vor 40 Jahren hierher gekommen. Sie sprechen viele Sprachen und können sich in die Lage der Flüchtlinge hinein versetzen. Jetzt arbeiten sie als Dolmetscher, in der Verwaltung, als Betreuer oder  im Sanitätsbereich für die Malteser. Ohne sie würde es nicht gehen. Sie tragen ihre Malteser-Polohemden und Jacken mit Stolz. Die Malteser sind internationaler geworden. Wolfgang Heidinger ist sehr zufrieden mit seinem Team aus gestandenen und neuen Maltesern. „Was sich hier entwickelt ist großartig“. Er würde sich sehr darüber freuen, wenn die ehrenamtlichen Malteser in der Diözese Aachen dieses Engagement in Gürzenich mit tragen würden. „Wir werden diese Einrichtung sicher länger betreiben und die Menschen hier brauchen Menschen, die ihnen den Start in ein neues Leben erleichtern. Da zählt wirklich Nähe!“

 

 

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